NEWROZREDE

NEWROZREDE 27.03.2009

Liebe Freunde,

Derzeit erleben wir nach einem harten Winter endlich die ersten warmen Tage. Die ersten Blumen blühen, überall grünt es. Wie schön wäre es, sich einfach nur daran erfreuen zu können. Doch die 40 Millionen Kurden, die in Kurdistan leben, haben kaum ein Auge für den Frühlingsanfang, denn sie erleben harte Zeiten.
Die Staaten, in die Kurdistan aufgeteilt ist, verweigern ihnen die elementarsten Rechte eines Menschen. Tausende wurden und werden vertrieben, Millionen wurde durch Assimilation ihre kulturelle Identität beraub.
Anderen wurde die Staatsangehörigkeit entzogen. So sind heute z.B. in Syrien über 300.000 Kurden staatenlos. Dadurch wurden ihnen alle zivilen und politischen Rechte aberkannt. Nun geht es den syrischen Kurden sogar an die Lebensgrundlage:
Der Präsidentenerlass Nr. 49 vom 10. September 2008 stellt das Eigentum der syrischen Bevölkerung in Frage. Davon betroffen sind vor allem Kurden und andere Minderheiten wie die assyrisch-aramäische Bevölkerung, die im 15 Kilometer breiten und 350 Kilometer langen sogenannten arabischen Gürtel leben und so enteignet wurden. Tausende Bauern und ihre Kinder waren gezwungen, sich als Taxifahrer, Müllmänner und Hilfsarbeiter in den Slums der großen Städte durchzuschlagen, wenn sie denn überhaupt Arbeit fanden. Vor kurzem ist sogar ein Gesetz erlassen worden, wodurch diesen Menschen verboten wird, einer Beschäftigung nachzugehen.

Es ist jedes Jahr wieder traurig, auf die massiven Menschenrechtsverletzungen gegenüber Kurden hinweisen zu müssen. Wir haben jedoch alle eine Verantwortung gegenüber Menschen, denen die Lebensgrundlagen geraubt werden, zumal auch aus Deutschland staatenlose Kurden nach Syrien abgeschoben werden. Und wie wir erfahren haben, hat die deutsche Regierung im Juli 2008 mit Syrien ein Abkommen geschlossen.
Aufgrund des Abkommens, das diese Praxis möglich macht, hat die deutsche Regierung die Entwicklungshilfe für Syrien erhöht. Das ist Kopfgeldjäger-Manier und wir protestieren massiv gegen diese unmenschlichen Vorgänge. Wir wissen uns da in guter Gesellschaft, auch die Gesellschaft für bedrohte Völker hat mehrfach gegen dieses deutsch-syrische Abkommen protestiert.
Wir, die Vereinigung kurdischer Ärzte, appellieren an die Öffentlichkeit, nicht zu schweigen. Unser Appell richtet sich vor allem an die europäische Union und an die deutsche Regierung, mit der Forderung, endlich geeignete Maßnahmen gegen diese Menschenrechtsverletzungen zu unternehmen und dieses unmenschliche Abkommen zu annullieren, das Menschen dahin abschiebt, wo Menschenwürde mit Füssen getreten wird.

Im irakischen Norden(Südkurdistan), wo es eine kurdische Regionalregierung gibt, besteht zumindest die Hoffnung auf ein Ende der Unterdrückung und der Massenmorde. Andererseits geben die Ereignisse der letzten Monate Anlass zu Besorgnis: Die Angst, dass die irakische Zentralregierung unter der Führung von Almaliki versucht, die Macht zu zentralisieren, wächst.
Diese Ein-Mann-Politik haben und werden die Kurden niemals mittragen – auch im Interesse der gesamten Region. So haben die Kurden und ihre Führer Jalal Talabani und Massoud Barzani im vergangenem Jahr alles in ihrer Macht Stehende versucht, zwischen den irakischen Sunniten und Schiiten zu schlichten, um die Einheit des Iraks zu wahren und somit einen Bürgerkrieg zu entgehen

Liebe Freunde,
Seit Anfang des Jahres gibt es in der Türkei einen staatlichen kurdischsprachigen Fernsehsender. Sicher ein Anfang, aber längst nicht genug. Wenn der türkische Ministerpräsident Erdogan meint, dass die Assimilation von in Deutschland lebenden Türken ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt, wie schätzt er dann die unfreiwillige Assimilation vieler Kurden in der Türkei ein? Und wie erst die Tötung von tausenden Kurden und in der Geschichte der Türkei? Beide Tatsachen sind auch ein Schandfleck in der türkischen Geschichte. Diesen Schandfleck loszuwerden, ist jedoch die Aufgabe der Kurden in der Türkei. Diese sind aufgefordert, ihre Stimme zu erheben und an diesem Wochenende für die pro-kurdische Parteien in der Türkei zu stimmen. Der türkische Staat schuldet den Kurden mehr, als einen kurdischen Fernsehsender.

Aus dem iranischen Teil Kurdistans haben wir leider keine näheren Angaben. Aus der internationalen Presse und von Menschenrechtsorganisationen ist allerdings von schweren Bombenangriffen durch die islamische Armee und die türkische Armee in den Grenzregionen der kurdischen Regionalregierung im Irak zuhören. Obwohl in den letzten Woche diese Aktionen geschwächt worden seien. Außerdem sind im Iran, wie wir erfahren haben im vergangenen Jahr mehrere hundert Menschen, darunter mindestens 140 Kurden auch Kinder, hingerichtet worden.



Liebe Anwesende,

Kroaten, Slowenen, Mazedonier leben heute in eigenen Staaten. Auch Deutschland und Europa haben sich dafür eingesetzt, dass auf dem Balkan Völker zu ihrem Recht kommen. Deutschland hat zum Beispiel die UCK gegen die Serben unterstützt und aufgerüstet. Heute genießen die Kosovaren ihre politische und kulturelle Autonomie.

Auch die UNO stand vielen Völkern bei, unter anderem in Osttimor, damit sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Auch für einen palästinensischen Staat steht ein Grossteil der Welt ein. Und das ist richtig so, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, von wem sie auch verübt werden, Verfolgung und Ausbeutung zeugen von Menschenverachtung. Wer angesichts dieser Straftaten schweigt, begeht Mittäterschaft. Dies müsste für alle Völker und Staaten gelten.

Doch wenn es um die Kurden geht, wollen Türkei, Iran, Syrien, alle arabische Länder und auch Deutschland nicht, dass sie einen Staat gründen. Sie sollen unter dem Joch der diktatorischen Zentralstaaten bleiben.
In der Türkei und in der arabischen Welt sagt man, dass ein eigener Kurdenstaat ein zweites Israel im Nahen Osten wäre. Daher wehren sich die Machthaber der Türkei, Irans, Syriens und sogar Iraks gegen einen Kurden-Staat.

Eines müssten eigentlich die Herrschenden in Kurdistan und ihre Verbündete endlich begriffen haben. Je brutaler die Unterdrückung der Kurden wird, desto stärker kommen die kurdischen Akteure hervor. Das ist das Fazit des Krieges seit Jahrhunderten.

Liebe Freunde,

Noch ein Punkt kommt hinzu. Wie man am endlos scheinenden Nahost-Konflikt, in Afghanistan und im Irak sieht, ist keine Supermacht, und auch nicht der europäische Staatenbund allein in der Lage, die Kriege auf diese Erde zu beenden. Dies kann nur mit Beteiligung der gemäßigten Völker wie z.B. mit den Kurden, Türken, Perser, Arabern und Juden geschehen. Erst wenn sich diese Völker die Hände reichen, werden die Konflikte ein Ende finden. Dazu braucht es gleiche Rechte und Pflichten für alle – Gerechtigkeit.

Lieber Zuhörer und Freunde,

Hier kommt der kurdischen Diaspora eine wichtige Rolle zu. Gerade wenn es darum geht, die deutsche Öffentlichkeit zu informieren,
denn hier leben mindestens 700.000 Kurden, von denen rund die Hälfte bereits die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Diese Tatsache wird durch die deutschen Volksparteien nicht genügend berücksichtigt.
Deshalb sind wir Kurden aufgefordert, uns aktiv an der politischen Gestaltung in Deutschland zu beteiligen, was andere Volksgruppen schon längst tun.

Heute sind alle kurdische Organisationen und Vereine anwesend. Reicht Euch die Hand und bereitet eine einheitliche demokratische Plattform vor, um die Rechte unseres Volkes durchzusetzen und seine Nöte zu lindern. Denn nur gemeinsam kann man das Maximale erreichen.
Am besten sie einigen sich schon Heute auf einem Treffen.

Doch liebe Gäste, wir sind nicht nur zusammengekommen, um zu klagen. Nein wir sind hier, das kurdische Neujahr zu feiern. Und sowie wir den Start in das neue Jahr als Neuanfang, als Aufbruch in eine gute Zukunft verstehen, möchte ich dazu anregen, guten Mutes zu sein, dass sich die politischen Ereignisse im Nahen Osten für alle beteiligten Völkern und Religionsgemeinschaften positiv entwickeln. "Hoffnung ist das Brot der Armen" sagt ein Sprichwort. Nie haben die Kurden die Hoffnung auf Frieden, Freiheit und gleichberechtigtes Leben aufgegeben, selbst in den dunkelsten Jahren ihrer Geschichte nicht. Hoffnung wird auch in die Kinder gesetzt. Die Kinder dieses seit Jahrhunderten unterdrückten und erniedrigten Volkes sind überall zu sehen: Auf den Protestmärschen, bei den Kampagnen für die Zulassung der kurdischen Sprache in den Schulen und im öffentlichem Leben sowie in den Gefängnissen.
Solange sie mit Klageliedern ihrer Mütter und Großmütter großgezogen werden, werden sie nicht aufhören, sich gegen die Unterdrückung zu erheben!
Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren. Um die Worte von Bertold Brecht zu zitieren.

Vielen Dank für ihre Geduld